Als der blinde Graf die neue Nachbarin traf

Eine Frau, über die man nur flüsterte

Im Herbst 1881 sprach man in den Salons einer großen ukrainischen Stadt leiser über einen Namen als über ein Gebet, aber häufiger als über Neuigkeiten: Katerina Lewtschenko. Wenn sie einen Raum betrat, schien selbst das Rascheln der Kleider einen Augenblick lang stiller zu werden. Ihre Schönheit war nicht laut und nicht aufdringlich. Sie forderte keine Aufmerksamkeit ein, sie zwang die Menschen nur dazu, sich gerader hinzusetzen.

Mit siebenundzwanzig Jahren hatte Katerina dunkles Haar, honigfarbene Augen und jene ruhige Haltung, die von Enttäuschungen gelernt hatte. Früher umwarben sie Offiziere, Kaufmannssöhne und junge Gutsbesitzer, die schworen, ewig auf ihre Antwort zu warten. Sie brachten Blumen, baten um Tänze und wollten Briefe schreiben dürfen. Doch dann verlor ihr Vater Rodion Lewtschenko fast das gesamte Vermögen in einem betrügerischen Bergbauunternehmen. Aus einem angesehenen Haus wurde in wenigen Monaten ein Gesprächsthema für fremde Abendessen.

Die Verehrer wurden still. Manche verschwanden ganz. Andere kehrten mit sogenannten Schutzangeboten zurück, die in Wahrheit nur den Versuch bedeuteten, eine mittellose Frau zu besitzen. Katerina lernte, solche Gespräche schweigend zu ertragen. Nicht, weil sie nichts zu sagen gehabt hätte, sondern weil Würde manchmal fester in der Sprache sitzt als im Geldbeutel.

„Würde ist oft das Einzige, was bleibt, wenn alles andere verkauft wurde.“

Das Haus namens Rosengarten

Nach dem Tod des Vaters blieb Katerina nur wenig: ein verpfändetes Haus, zwei Schachteln mit alten Kleidern und ein kleines Tuch ihrer Mutter. Als sie schon glaubte, bei entfernten Verwandten um Unterkunft bitten zu müssen, erreichte sie ein versiegelter Brief aus einer Kanzlei im Westen. Ihre verstorbene Großtante Jadwiga Schewtschuk hatte ihr ein kleines Haus in der Nähe der nebligen Stadt Kamienna Luka vermacht. Es trug den Namen Rosengarten.

Katerina verkaufte ihre letzten Ohrringe, regelte das Nötigste und reiste ab. Was sie nicht wusste: In Kamienna Luka wartete bereits eine andere Geschichte auf sie.

Die Einheimischen nannten Graf Mark Domontowitsch den „Herrn der Schatten“. Sein Gut St. Clement lag hinter einer Steinmauer, umgeben von Gärten, altem Wald und verlassenen Silberstollen. Vor fünf Jahren war Mark noch ein lebhafter Mann gewesen, ritt ohne Begleitung, kannte jede Grenze seines Landes und jeden Pächter beim Namen. Dann kam die Nacht des Gewitters. Die Kutsche stürzte in einen Graben, der Kutscher starb, und Mark überlebte mit einer Narbe an der Schläfe und einer Verletzung, die ihm das Augenlicht nahm.

Seine Verlobte löste die Verbindung sofort. Ärzte kamen aus der Hauptstadt, untersuchten ihn und gingen wieder mit derselben höflichen Formulierung: keine vollständige Hoffnung. Nach dem dritten Gutachten zog sich Mark in sein Gut zurück, entließ fast alle Diener und übergab die Verwaltung seinem langjährigen Sekretär Tomasz Gnatjuk.

  • verblasste Ernten und leere Stollenberichte
  • unruhige Pächter und unklare Rechnungen
  • ein Gut, das langsam von innen her verfiel

Eine Entdeckung im staubigen Zimmer

In den ersten Wochen im Rosengarten reparierte Katerina das Dach, wusch die Fenster und ordnete die Zimmer. In einem der Räume roch es noch nach Asche, und im Garten ragten schwarze Rosenwurzeln aus feuchtem Laub, als wollte das Haus sich an den Sommer erinnern. Eines Tages, während sie in Jadwigas Arbeitszimmer einen morsche Bücherkasten verschob, löste sich hinter der Wand Putz. Sie tastete nach einer Vertiefung und öffnete eine schmale Nische.

Darin stand eine verrostete Eisenkassette. Nach einigen kräftigen Schlägen gab das Schloss nach. Innen lagen Notizbücher, Karten, Briefe, Rätselblätter und ein kleiner bronzener Schlüssel. Auf der ersten Seite stand in ordentlicher Handschrift: „Über das bewahrte Vermögen des Hauses Domontowitsch. Nur von dem zu öffnen, der keinen blinden Mann aus Eigennutz verkauft.“

Die Papiere erklärten, dass Marks Großvater einen Schatz auf dem Gut verborgen hatte: Münzen, Silberbarren, Warensteine und Dokumente über verloren geglaubtes Land. Alles war in Rätsel verschlüsselt, der Schlüssel einst Jadwiga anvertraut. Diese Unterlagen konnten das Gut retten. In falsche Hände geraten, konnten sie jedoch auch Katerina in Gefahr bringen.

Am nächsten Morgen ging sie mit einer Karte an die Grenze zwischen dem Rosengarten und St. Clement. Nebel hing tief über dem Gras, als plötzlich ein großer Hund aus dem Weiß hervorbrach. Katerina blieb stehen. Dann erklang eine ruhige Männerstimme:

„Bleib, Grom.“

Mark Domontowitsch trat aus dem Nebel, gestützt auf einen dunklen Stock. Er war groß, breitschultrig, mit harter Miene und einer Narbe an der Schläfe. Seine blinden Augen richteten sich nicht auf sie, und doch hatte sie das Gefühl, dass er sie ganz genau wahrnahm.

„Sie betreten mein Land, gnädige Frau“, sagte er.

„Ihre Warnschilder sind vom Efeu überwachsen“, erwiderte Katerina kühl. „Wenn Sie unerwünschte Gäste fernhalten wollen, lassen Sie den Zaun freischneiden.“

Mark hob leicht die Brauen. So hatte seit Jahren niemand mehr mit ihm gesprochen. Katerina nannte ihren Namen, und als er sie als Tochter eines ruinierten Mannes erkannte, flammte in ihr alter Schmerz auf. Doch sie hob nur das Kinn und gab ihm eine scharfe Antwort über verlorene Sehkraft und verlorene Manieren.

Der Nebel schien zwischen ihnen stillzustehen. Katerina wandte sich ab und ging zurück zum Rosengarten. Hinter ihr lauschte der blinde Graf ihren Schritten, bis sie verschwanden. Und zum ersten Mal seit fünf Jahren lächelte er.

Es war kein Lächeln aus Spott. Es war das Lächeln eines Mannes, der in ihrer Stimme einen Namen gehört hatte, den Tomasz Gnatjuk niemals wieder in St. Clement auftauchen lassen wollte. Kurz darauf hob Mark seinen Stock und sagte nur eine einzige, folgenschwere Anweisung an seinen Diener.

Zusammengefasst beginnt hier die Begegnung zweier verletzter Menschen, deren Schicksale enger miteinander verbunden sind, als es zunächst scheint.

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